Vendée-Globe-Start voraus: Dem leisen Abschied folgt am Sonntag der furioser Auftakt – Boris Herrmann ist bereit

Erst ruhig, dann fulminant: Der Vendée-Globe-Start am Sonntag wird nach gedämpftem Abschied bei der Kanalpassage und der Startprozedur selbst von triumphaler und schneller Natur sein. Wenn die neunte Ausgabe der Solo-Weltumseglung Vendée Globe am Sonntag um 13.02 Uhr französischer Zeit vor Les Sables d’Olonne an der französischen Atlantikküste beginnt, wird das traditionell überschäumende Publikum fehlen.

Die globale Pandemie hat die diesjährige Rekordflotte von 33 Skippern ihrer üblichen 350.000 Besucher beraubt, die alle vier Jahre alleine am Starttag in den attraktiven Badeort strömen, um sich lautstark von den Hochseehelden zu verabschieden und dazu wie zuletzt 2016 unvergessliche Abschiedsbotschaften wie “All you need is globe” zeigen’.

Der strenge Lockdown in Frankreich bedeutet, dass das üblicherweise stürmisch gefeierte Ablegen der Skipper vom Dock am Sonntagmorgen und ihre Parade durch den berühmten Kanal Les Sables d’Olonne in den offenen Atlantik eher ruhig verlaufen wird.

Das weltweite digitale Online-Publikum wird den Skippern aber in Form von persönlichen Botschaften näher gebracht, die auf riesigen Bildschirmen aufleuchten. 

Angesichts der erwarteten Rekorde, die bei dieser Edition werden, dürfte die riesige Online- und Digital-Fangemeinde aber dennoch in jeder Minute am Rennen hängen und den Protagonisten und ihren Idolen folgen. Die Möglichkeiten dazu hat das internationale Publikum auf unterschiedlichsten Multimedia-Plattformen, wo intensiv und in vielen Facetten von der bislang interessantesten Auflage berichtet wird.

Dass die wichtigste Soloregatta der Segelwelt in dieser schwierigen Zeit überhaupt starten kann, gilt nicht nur in Frankreich als Triumph über alle Widrigkeiten. Die außergewöhnlichen Abenteuer, die das Nonstop-Rennen um die Welt seinen Fans immer wieder bietet, werden das Leben von Millionen Anhängern mehr denn je erleuchten.

Wer wird gewinnen?

Den einen, herausragenden Favoriten gibt es vor der neunten Vendée Globe nicht. In den vergangenen zwei Jahren wurden acht neue IMOCA-60-Yachten der jüngsten Generation auf den Markt gebracht. Sie repräsentieren die Arbeit von vier unterschiedlichen Design-Büros. Sie spiegeln eine größere Vielfalt innovativer Designideen wider als jemals zuvor. Und das aus der Feder einer größeren Anzahl an Designern als zuvor. Vendée-Globe-Gewinner François Gabart, der im Rennen 2012/2013, triumphierte  sagt: “Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent, dass der Gewinner einer von ihnen sein wird.”

Die Hydrofoils (Tragflächen), auf denen die 7.5 Tonnen schweren Yachten über dem Wasser „fliegen“ können, sind mehr als doppelt so groß wie die „Chicken Wing“-Foils, die man erstmals im Rennen 2016/2017 sehen konnte. Entsprechend liegen die Höchstgeschwindigkeiten bei rund 35 Knoten. Experten erwarten, dass die 24-Stunden-Etmale durchschnittlich 600 Seemeilen überschreiten. Die Top-Skipper sind sich bei ihren Schätzungen einig: Der 2016/2017 aufgestellte Rennrekord von 74 Tagen, 3 Stunden und 35 Minuten sollte unterboten werden können. Die neue Bestmarke könnte unter die 70-Tage-Marke gedrückt werden.

Vier Segler ragen heraus und zeichnen sich mit der begehrten Kombination aus Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit aus, die in Tausenden Trainings- und Regattameilen erarbeitet wurden. Einer von ihnen ist Jérémie Beyou. Sobald er beim letzten Rennen Dritter geworden war, startete der Franzose ein Programm, das auf den Sieg bei dieser neunten Auflage 2020/2021 abzielte. Sein von VPLP entworfenes Boot „Charal” war das erste Boot der Imoca-Generation 2020. Bereits im August 2018 im Wasser, gewann der dreimalige Sieger des La Solitaire du Figaro das neue Rennen Vendée Arctique im Juli, führte das Transat Jacques Vabre an, bevor er in den Doldrums steckenblieb und Dritter wurde. Der 44-Jährige hat mit seinem neuen Boot inzwischen massiv viele Seemeilen absolviert, um dessen Zuverlässigkeit zu maximieren und es für hohe Durch-schnitts-ge-schwin-dig-keiten zu optimieren.

Der co-favorisierte britische Herausforderer Alex Thomson hatte bei der achten Auflage der Vendée Globe 2016/2017 Platz zwei hinter dem siegreichen Armel Le Cléac’h Platz belegt. Thomson setzt bei seinem fünften Anlauf auf den radikalen, von VPLP entworfenen Foiler “HUGO BOSS”, der ausschließlich darauf ausgelegt ist, die Vendée Globe zu gewinnen. Der 46-Jährige aus Gosport hat seit der Taufe des Bootes im August letzten Jahres mit dem Transat Jacques Vabre nur ein Rennen bestritten, das er mit einem Schaden hatte aufgeben müssen. Das Programm des britischen Skippers jedoch wird von vielen Aufsehen erregenden Innovationen und einzigartigen technischen Entscheidungen flankiert. Insider räumen Thomson daher Siegpotenzial ein, wenn sich das Boot als zuverlässig genug erweist und der Skipper das Glück hat, sein Rennen in gutem Zustand beenden zu können.

Zu den wichtigsten technischen Innovationen gehört, dass Thomson seine Rennyacht mit einer Armada von Bildschirmen aus dem Inneren seiner Yacht fährt. Die Bildschirme sind mit einer Reihe von Außenkameras verbunden. Thomsons Team hat ein eigenes Autopiloten-System mit künstlicher Intelligenz entwickelt und ein exklusives Segelentwicklungsprogramm umgesetzt.

Thomson befürchtet jedoch, dass die neuen Boote, insbesondere die weniger bewährten als seine, möglicherweise nicht zuverlässig genug sind:


Ich denke, keines der Teams hat so viele Seemeilen zurückgelegt, wie es gerne gewollt hätte. Keines der Teams ist (mit den neuen Booten und neueren, größeren Foils) unter Bedingungen gesegelt, wie wir sie im Südpolarmeer erleben werden. Ich mache mir Sorgen und spüre, dass es mit ziemlicher Sicherheit zum Zermürbungskrieg kommt. Wir haben acht neue Boote und einige davon sind sehr, sehr neu. Es ist schwer zu erkennen, wie sie sich in dieser Zeitspanne ausreichend hätten vorbereiten können. Wir glauben, dass das ein Jahr dauert. Und wir haben ein Jahr gebraucht. Schwer zu sagen, wie diejenigen mit weniger Meilen mit weniger Problemen um die Welt kommen sollen.“ Thomson sorgt sich offensichtlich.


                                                                                                                               ” 

Charlie Dalin mag ein Newcomer in diesem Rennen sein, doch der 36-Jährige wuchs schon mit Begeisterung für die Giganten des Seesegelsports auf, war von den Männern und Frauen und ihren Maschinen fasziniert, die sich alle zwei Jahre zum Transat Jacques Vabre auf den Docks seines Heimathafens Le Havre versammelten. Charlie Dalin verfügt über ein Traumprogramm mit Siegpotenzial für die Vendée Globe. Er selbst ist Yachtkonstrukteur und hat an der renommierten Universität von Southampton studiert. Seine IMOCA „Apivia” wurde von einem kleinen Team unter Leitung des Architekten Guillaume Verdier entworfen, der schon den America’s Cup gewonnen hat. Die Kampagne wird von François Gabarts Firma MerConcept geleitet. „Apivia” gewann das Transat Jacques Vabre im vergangenen Jahr und kreuzte die Ziellinie im Vendée Arctique als Zweiter. Michel Desjoyeaux, der die Vendée Globe als einziger Skipper zweimal gewonnen hat, tippt auf Dalin als Sieger bei dieser Auflage: „Für mich ist er der beste Mann, weil er der einzige ist, den ich kenne, der vier Podestplätze in Folge im La Solitaire du Figaro (Red.: jährliche französische mehrstufige Offshore-Meisterschaft) erkämpft hat. Das ist ein Hinweis auf seine starken Fähigkeiten. Er hat von Beginn an gezeigt, was er jetzt auch mit seiner IMOCA getan hat: sie auf ein sehr hohes Niveau gebracht.“

Der 39-jährige Thomas Ruyant aus der Normandie musste bei der letzten Vendée-Globe-Auflage aufgeben, als sein Boot bei einer Kollision mit einem unbekannten schwimmenden Objekt (kurz: „Ufo“) westlich von Neuseeland fast in zwei Teile geteilt wurde. Nun ist er zurück und wird mit seinem klug optimierten Verdier-Design „LinkedOut“ als Podiumsanwärter eingeschätzt. Thomas Ruayant hatte zur Halbzeit im Vendée Arctique die Führung erobert und gilt als Skipper mit echtem Talent, Durchhaltevermögen und Willenskraft, die von der Enttäuschung über die Aufgabe beim letzten Mal noch befeuert wird.

Die Britin Samantha „Sam“ Davies, die in der Vendée Globe 2008/2009 Vierte wurde, ist die „Fahnenträgerin“ für die Rekordflotte der sechs Frauen im Rekordfeld von insgesamt 33 Booten. In den vier Jahren seit dem letzten Rennen hat sie unermüdlich daran gearbeitet, ihre 2010 zu Wasser gelassene” Initiatives Coeur” zu verbessern und zu optimieren.

Die 46-jährige in Frankreich lebende Britin kann auf gesammelte Erfahrungen aus mehr als 25 Jahren aller Arten von Offshore-Rennen zurückgreifen und führte nicht zuletzt das Team SCA im Volvo Ocean Race 2014-15 als Skipperin um die Welt. Obwohl auch sie mit Foils der jüngsten Generation bewaffnet ist, wird ihr Boot nicht den Höchstgeschwindigkeiten der neuesten Imoca-Generation entsprechen können, aber ihre Erfahrung und Ausdauer machen sie zu einer aussichtsreichen Herausforderin, die bereitstehen wird, falls die jüngeren Boote ins Stocken geraten.

Die gesamte Flotte der 33 Rennyachten ist bis in ihre Tiefe hinein stark besetzt. Mehr denn je werden spektakulär spannende Zwei- und Dreikämpfe innerhalb des Rennens zu beobachten sein. Im Umfeld von Sam Davies Bootsgeneration von 2012 gibt es weitere aussichtsreiche Kandidaten wie den Wahl-Hamburger Boris Herrmann (“Seaexplorer – Yacht Club de Monaco”) und den 40-jährigen Franzosen Kevin Ecoffier („PRB”). Es wäre keine Risenüberraschung, wenn Mitte Januar einer dieser beiden auf dem Podium stehen würde. Boris Herrmann selbst jedoch blieb bei der Prognose für seine Premiere bescheiden: „Ankommen hat für mich oberste Priorität. Ein Platz in den Top Ten wäre schön.“

Die Altersspanne der Teilnehmer reicht bei der neunten Auflage vom 27-jährigen Schweizerr Alan Roura (“La Fabrique”), der zum zweiten Mal dabei ist, bis zum erfahrenen 61-jährigen Jean Le Cam („Yes we cam“), der seine fünfte Vendée Globe in Folge ansteuert. Bei den Booten war die Altersspanne nie größer als bei dieser Edition. Alexia Barriers 1998 zu Wasser gelassene IMOCA TSE-4 MyPlanet startet in ihr siebtes Rennen um die Welt. Den Gegensatz dazu bilden die jüngsten foilenden Flugmaschinen.

Neun Nationalitäten sind vertreten, darunter die 46-jährige Britin Pip Hare, die bei ihrer Vendée-Globe-Premiere die Yacht „Medaillia” segelt, und die 51-jährige Britin Miranda Merron, die in Frankreich lebt und mit “Champagne de France” antritt. Der 53-jährige Japaner Kojiro Shiraishi kreuzt mit seinem hochmodernen neuen Foiler namens “DMG Mori Global One” an der Ziellinie auf und möchte ein respektables Rennen absolvieren. Didac Costa, Feuerwehrmann aus Barcelona und 14. der Vendée Globe 2016/2017, startet in seine zweite Solo-Weltumseglung auf diesem Boot. Die „OnePlanet-OneOcean“ hat einst der britischen Hochsee-Ikone Ellen MacArthur als „Kingfisher” gedient. Für Costa wird es die insgesamt dritte Weltumseglung binnen fünf Jahren auf dem berühmten Boot sein, dass seinen 21. Geburtstag im Februar 2021 feiert.

Der Italiener Giancarlo Pedote (44) hat sich ab 2013 in der Mini-Klasse hochgearbeitet und nimmt nun die Herausforderungen des härtesten Solorennens der Segelsports mit der Prysmian Group an. Sein Weg spiegelt sich auch beim 57-jährigen finnischen Skipper Ari Huusela wider, der auf „STARK” ins Rennen geht.

Grünes Licht für alle 33 Skipper!

Die PCR-Tests, die alle Teilnehmer regelgemäß 48 Stunden vor dem Start hatten absolvieren müssen, sind durchweg negativ ausgefallen. Entsprechend komplett – das ist seit Samstagnachmittag für alle klar – kann die Flotte am Sonntag um 13.02 Uhr ins Rennen starten. Diese Botschaft sorgte für Erleichterung bei den Organisatoren und in den Teams, denn für sie alle stand viel auf dem Spiel. Manche bereiten sich mit ihen Kampagnen seit vier Jahren auf die Vendée Globe vor. Yves Auvinet, Präsident der Vendée Globe, sagte: „Das von den Organisatoren eingeführte Gesundheitsprotokoll hat es ermöglicht, dass morgen die gesamte Flotte grünes Licht für den Start hat. Ich möchte den Skippern und den Teams dafür danken, dass sie es verstanden haben, das restriktive, aber notwendige System zu respektieren und entsprechend zu handeln.”

Wetterausblick

Die Bedingungen für den Start am 8. November (Sonntag) um 13.02 Uhr dürften im Revier vor Les Sables d’Olonne nahezu perfekt sein. Die erwarteten 12 bis 15 Knoten Wind aus Südost sollten glattes Wasser für einen schnellen Sprint von der Startlinie bis zur ersten, sieben Seemeilen entfernten Bahnmarke gewährleisten.

Die Flotte wird dann in der ersten Nacht mit hoher Geschwindigkeit auf Raumschotskurs Richtung Westen preschen können. In der ersten Nacht wird eine Front erwartet, während der Wind über Süd auf Südwest dreht. Die Front bringt stärkere Winde um 25, in Böen bis zu 40 Knoten und Wellen mit einer Höhe von bis zu viereinhalb Metern mit. Auf der Rückseite der Front wird die Flotte dann in der Lage sein, in moderaterer nordwestlicher Brise auf Kurs Süd zu gehen. Hier stellt sich nun die komplexe Frage, wie sich das Hochdruckgebiet mit seinen leichten Winden am besten passieren lässt, bevor eine zweite Front die Spitzenreiter in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch erreichen soll.”

Boris Herrmanns Startprognose

Skipper Boris Herrmann fasste die Wetterlage vor dem Start so zusammen: „Das ist ganz sicher eine komplexe Wettersituation und wir werden einen Gang runterschalten müssen. Es wird spannend zu sehen sein, wie sehr die Flotte beisammenbleibt oder sich womöglich früh auseinanderzieht. Es ist sicher nicht der über Jahre immer wiederkehrende klassische Vendée-Globe-Start, sondern eher eine ungewöhnliche und anspruchsvolle Lage. Die wird uns alles abverlangen, aber es wird nicht direkt durch die Wettersituation zu Ausfällen kommen. Beim letzten Mal waren es sieben Tage bis zum Äquator, dieses Mal sieht es nach zehn aus. Es wird ein spannender Start. Ich werde eher 15, 30 Sekunden nach dem Startschuss über die Linie gehen. Was ich auf keinen Fall will, ist ein Frühstart. Dafür gibt es eine fünfstündige Zeitstrafe. Man muss tatsächlich anhalten und fünf Stunden warten.“

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