Boris Hermann : So spannend war ein Vendee Globe Finale noch nie !

Drei Boote in vier Stunden am Mittwoch?
Spitzenreiter Dalin am schnellsten
Boris Herrmann wahrt seine Podiums-Chancen

Wenn die 9. Vendée Globe für die Spitzenreiter voraussichtlich am Mittwoch (27. Januar) zu Ende geht, dann ist mit Boris Herrmann auch ein deutscher Segler mit von der hochspannenden Partie im Kampf um den Sieg und die Podiumsplätze. Auch am 79. Tag auf See blieb der Ausgang des Rennens weiter offen. Auf dem Programm steht für das Finale nicht weniger als ein Segel-Thriller: Dafür hat sich Boris Herrmann bei seiner Vendée-Globe-Premiere am Nachmittag des 25. Januar mit Platz drei in der Führungsgruppe inmitten von Frankreichs besten Soloseglern eine hervorragende Ausgangsposition erarbeitet. „So spannend war ein Vendée-Globe-Finale noch nie. Ich bin im Schwarz-Weiß-Modus, schwanke dazwischen, mich selbst unter Druck zu setzen und es zu genießen. Alle meine Freunde und meine Frau sagen mir, dass ich den Druck nicht so an mich rankommen lassen soll. Dass alles gut ist. Es war ein unglaubliches Rennen und ich soll nur mein Bestes geben und es genießen. Dann werden wir sehen…“, sagte der 39-Jährige am Montagmittag in einem Live-Interview mit Vendée-Globe-Fernsehmoderator Andi Robertson.
Boris Herrmann hatte am Montagnachmittag um 17 Uhr deutscher Zeit knapp 90 Seemeilen Rückstand auf den alten und wieder neuen Spitzenreiter Charlie Dalin („Apivia“) und 40 Seemeilen Rückstand auf den zweitplatzierten Louis Burton („Bureau Vallée 2“). Der erste deutsche Skipper im Rennen segelt dem Ziel mit einer Zeitgutschrift von sechs Stunden entgegen, die ihm die Wettfahrtleitung für seine Beteiligung an der Rettungsmission für Kevin Escoffier in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember zugesprochen hatte. Dieses Guthaben darf Herrmann im Ziel von seiner Gesamtsegelzeit im Rennen um die Welt abziehen und könnte dadurch den vor ihm eintreffenden Booten im Abschlussklassement entsprechend nahekommen oder sie gar noch überholen. 

Ebenso aber muss Herrmann seine Verfolger im Blick behalten, denn mit dem am Montagnachmittag fünftplatzierten Yannick Bestaven („Maître Coq IV“) und „Yes We Cam!“-Skipper Jean Le Cam auf Platz acht streben zwei weitere Konkurrenten dem Ziel mit einer noch größeren Zeitgutschrift entgegen. Gefährlich werden könnte Herrmann vor allem Yannick Bestaven, dem die Wettfahrtleitung nach dessen Escoffier-Einsatz 10 Stunden und 15 Minuten, also vier Stunden und 15 Minuten mehr als Herrmann zugesprochen hatte. Bestaven hatte rund zwei Tage vor den ersten Zieldurchgängen knapp 200 Seemeilen Rückstand auf Herrmann. Escoffiers Retter Le Cam hatte sogar eine Wiedergutmachung von 16 Stunden und 15 Minuten erhalten. Doch der fünfmalige Rekordteilnehmer mit dem Spitznamen „König Jean“ hatte am Montagnachmittag bereits 465 Seemeilen Rückstand auf Herrmann und müsste diesen trotz Zeitpolster noch deutlich verringern, um den Deutschen wirklich gefährden zu können, dessen VPLP-Verdier-Design mit den neuen, größeren Foils aktuell in seinem Idealbedingungen zu Höchstform aufzulaufen scheint. 

Frontmann Charlie Dalin indessen kann mit Blick auf die Zeitgutschriften der Konkurrenz und die Attacken seiner Verfolger nur eines tun: schneller segeln. Zuletzt war der 37-Jährige der schnellste Skipper im vorderen Feld, segelte mit 22 Knoten fünf Knoten schneller als Louis Burton und einen Knoten schneller als Boris Herrmann, der seinem ausgeschiedenen Freund Alex Thomson zu folgen und einen Podiumsplatz sicher zu haben scheint. 

Dennoch warnte Meteorologie-Ass Yoann Richomme in der Live-Sendung der Vendée Globe am Montagmittag: „Das führende Dalin-Burton-Herrmann-Trio wird es in der Biskaya mit einem kleinen Leichtwindfeld zu tun bekommen. Das wird der aus dem Norden kommenden Gruppe in mehr Wind die Chance auf ein Comeback geben.“ 

ZIELLINIE VERLÄNGERT

Für den Fall der Fälle – die mögliche gleichzeitige Ankunft mehrerer Boote – hat die Wettfahrtleitung inzwischen eine Verlängerung der Ziellinie beschlossen. In Übereinstimmung mit Artikel 9.1 in der Segelanweisung wurde die ursprünglich mit 0,3 Seemeilen Länge (500 Meter) geplante Linie auf 1.9 Seemeilen (3,1 Kilometer) in Richtung Süden ausgedehnt. Das dürfte der Flotte für den Zielsprint genügend Raum geben. 

DIE MÖGLICHEN ANKUNFTSZEITEN 

Wichtige Information: Es gibt verschiedene Routing-Systeme, die in der Vorausberechnung für die Boote unterschiedliche Ankunftszeiten ergeben. Die Ankunftszeiten sind auch davon abhängig, ob die Skipper eher eine nördliche Route oder die Passage an Kap Finisterre vorbei wählen. Diese strategischen Entscheidungen sind schwer vorhersehbar. Deshalb handelt es sich bei den nachfolgenden Angaben nur um Schätzungen. Unwahrscheinlich erscheint aus Sicht der Routings vom 25. Januar eine Ankunft des ersten Bootes in Les Sables-d’Olonne vor dem 27. Januar um 13 Uhr. Sehr wahrscheinlich dagegen eine erste Ankunft zwischen 15 und 21 Uhr. Mit dem Kürzel ETA wird bei diesem Ausblick auf das Finale die erwartete Ankunftszeit („Estimated Time of Arrival“) bezeichnet.