Sönke Roever : Zu Zweit von Deutschland nach Neuseeland

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Camaret-sur-Mer - Sada
02.08.2007 - Biskaya überquert!
79 Tage unterwegs: 1.341 Seemeilen geschafft.

Es ist schon ein wenig eigenartig. Da hat der Sönke in seinem Leben schon viele Tausend Seemeilen hinter sich, ist aber nie länger als 150 Seemeilen am Stück gesegelt. So gesehen ist die 350 Seemeilen lange Überquerung der berüchtigten Biskaya alles andere als eine Routine-Aufgabe für uns. Auf der Ostsee ist eben doch immer irgendwo ein Hafen in der Nähe. Auf dem Golf du Gascogne - wie die Franzosen sagen - befindet sich das dichteste Land rund 4500 Meter unter dem Kiel und der nächste sichere Liegeplatz ist oft mehr als hundert Meilen entfernt.

Abfahrt von Camaret-sur-Mer
Foto: (C)2007 Sönke Roever
So im Nachhinein betrachtet, ist unsere Aufregung wohl berechtigt gewesen. Zumindest ist unterwegs so viel passiert, dass es uns nicht so recht gelingt, den Text für diesen Eintrag kurz zu halten. Aber das erzählen wir am besten der Reihe nach.

Am 29. Juli 2007 verlassen wir Camaret-sur-Mer morgens um 6.30 Uhr. Trotz Nieselregen und schlechter Sicht fällt es Sönke nicht schwer, die warme Koje gegen das nasse Cockpit zu tauschen. Der zu erwartende Sommer an der spanischen Nordküste ist Motivation genug. Judith bleibt erstmal im Reich der Träume, damit sie später ausgeschlafen das Ruder übernehmen kann. Rollenverteilung.
Wir kommen gut voran. Ein satter Westwind mit Böen der Stärke sechs schiebt uns mit der Tide im Rücken und über acht Knoten Geschwindigkeit an der Bretagneküste vorbei. Wir wagen uns durch die gefährliche Felsenge des Raz du Sein und werden mit über zehn Knoten in Richtung Spanien getrieben. Endlich, nach all dem ewigen Südwest im Englischen Kanal müssen wir mal nicht gegenan segeln. Das tut der Seele gut.
In der Nacht dreht der Wind langsam auf Nordost und flaut immer mehr ab. Dazu zeigt sich am nächsten Morgen zunehmend die Sonne. Eine gute Gelegenheit, einmal unsere Passatbesegelung auszuprobieren. Um es gleich zu sagen. Das ist ein Traum. HIPPOPOTAMUS fährt wie auf Schienen. So lässt es sich aushalten. Ein guter Vorgeschmack auf unsere noch anstehende Atlantiküberquerung.
Petrus, Rasmus, Neptun und wie sie alle heißen, meinen es weiter gut mit uns. Der Wind dreht auf Ost und wir wechseln auf den Gennaker. Der Windpilot steuert, Wellen kommen und gehen, Sönke döst in der Sonne, ein Frachter kreuzt den Weg, Judith kocht Essen und ein Delphin spielt mit dem Rumpf. Für uns ist das neu, aber so ungefähr muss sich Blauwasser-Alltag anfühlen.
Als wir später den Gennaker bergen, machen wir dummerweise einen Fehler bei der Abstimmung des Manövers. Schneller als wir gucken können, liegt das blauweiße Tuch auf dem Wasser statt an Deck und wir fahren mit HIPPOPOTAMUS komplett drüber weg. Hektik entsteht. Das Segel hängt unter dem Boot, zieht kräftig am Fall und den Schoten. Wir müssen fix handeln. Judith hakt das Fall aus, löst den Hals, Sönke lässt die Backbordschot ausrauschen und belegt die Steuerbordschot auf Ende. Nun heißt es abwarten. Mit etwas Glück wird das Segel hinter dem Heck wieder zum Vorschein kommen. Schneller als gedacht tut es das auch. Wir hieven den klatschnassen Stoff ins Cockpit und müssen schmerzlich einsehen, dass der bunte Blasebalg seine ursprüngliche Form ein wenig verloren hat. Unschwer erkennen wir, dass ein kleiner Teil und eine Schot noch irgendwo unter dem Schiff fest hängen. Nun haben wir einen zweigeteilten Gennaker.

So kommt es, dass Sönke sein erstes Badeerlebnis auf 4500 Metern Wassertiefe hat. Glücklicherweise gelingt es ihm im sechsten Anlauf, die Schiffsschraube wieder frei zu legen und die im Ruderblatt eingeklemmte Schot zu lösen. Vermutlich wäre es ohne die vorherrschenden fünf Windstärken einfacher gewesen, diese Badeaktion durchzuführen.
Dem nicht genug, erleben wir in der Nacht eindrucksvoll, was es bedeutet, wenn auf der Wetterkarte die Isobaren eng beieinander liegen. Kräftiger Ostwind mit Böen der Stärke sieben verwandelt die Biskaya in einen faszinierenden Hexenkessel aus Salzwasser, Gischt und Luft. HIPPOPOTAMUS jagt zwischen vier Meter hohen Wellen nur mit der Fock bekleidet der Iberischen Halbinsel entgegen. Schneeweiße Schaumkämme brechen unter einem mit Wolkenfetzen überzogenen Himmel und ein tiefgelber Vollmond taucht die gesamte Szenerie in ein gespenstisches Licht. Eine ambivalente Stimmung entsteht in unseren Köpfen. Einerseits ist es toll so durch die Nacht zu rauschen und wir spüren Stunde um Stunde mehr und mehr, dass wir unserem Schiff vertrauen können. Andererseits sorgen der mächtige Seegang und die heulende Geräuschkulisse - insbesondere unter Deck - wieder und wieder für ein mulmiges Gefühl. Daher haben wir auch überhaupt nichts dagegen, als der Wind nach zehn Stunden endlich schwächer und die Wellen entsprechend niedriger werden.
Wenig später ruft Judith "Land in Sicht". Die Sonne kommt durch, wärmt nach und nach unsere vom Salz verkrustete Haut und wir erleben den schönsten Moment der gesamten Überfahrt. Auf dem Handy trifft eine SMS von Eva und Daniel von der "MS" APHRODITE sowie Brit und Axel von der HELLO WORLD ein: "Seid ihr schon an der Küste? Freuen uns auf euch - zu wann sollen wir den Grill anwerfen?". Uns läuft das Wasser im Mund zusammen.
Es ist genau 18.28 Uhr als wir in der Marina Sada eben östlich von La Coruna anlegen. Letztendlich hat unsere Überfahrt - dem richtigen Wetterfenster sei Dank - weniger als zweieinhalb Tage gedauert. Die Freude über das Wiedersehen ist groß und somit ist es vermutlich auch müßig zu erwähnen, dass es ein langer Abend im Cockpit der HELLO WORLD wird. Freunde in der Ferne zu treffen ist schön. Oder anders: Segeln mit all seinen Facetten ist schön!
So, und nun viel Spaß mit den Fotos…
Judith und Sönke
PS: Kurz vor der Küste durfte Judith übrigens auch noch mal ins Wasser. Ein Fischernetz hatte mit unglaublicher Präzision seinen Weg in unsere Schraube gefunden. Was soll es - inzwischen ist das Routine für uns. zum ersten Bild (C)2007 Sönke Roever

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Segeln blindes gif
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