Riggtrimm: Mastbiegung längs
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Haben wir uns in der letzten "aktuell" mit dem Mastfall - und damit zusammenhängend: der
Schwertstellung - auseinandergesetzt, wollen wir uns jetzt die Mastbiegung vornehmen.
Zunächst zur Frage: Wozu das Ganze überhaupt? Das Schöne an unseren Segeln ist, daß
wir es nicht mit einem starren Tragflügel zu tun haben, sondern daß wir sie uns entsprechend
den Bedingungen anpassen - trimmen - können. Die Funktionsweise eines Tragflügels ist
vielleicht noch aus Schulzeiten bekannt: Durch die Profilierung entstehen auf der Oberseite
Übergeschwindigkeiten, der vorbeistreichenden (zunächst ungestörten) Strömung. Dadurch
rücken die Stromlinien enger zusammen, wodurch eine Beschleunigung der Strömung zum
Ausdruck kommt (Analog Wetterkarte: Enger Isobarenabstand=viel Wind oder Landkarte:
Enger Höhenlinienabstand=steiler Hang).
Auf der Unterseite des Profils wird die Strömung dagegen verzögert. Durch dieses unterschiedliche
Geschwindigkeitsfeld entsteht eine Druckverteilung um den Tragflügel: Auf der
Oberseite entseht durch höhere Geschwindigkeiten als die der Horizontalströmung ein Unterdruck,
weil praktisch die Luft hier schneller wegfließt, als neue nachströmen kann. Auf der
Unterseite wird die Luft verzögert und aufgestaut, wodurch eine Druckerhöhung - ein
Überdruck - entsteht. Dadurch kann
sich ein Flugzeug in der Luft halten:
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Oberhalb des Tragflügel wird durch
den Unterdruck praktisch das Flz.
nach oben gesaugt und von unten
drückt ein Überdruck nach oben. Nun
ein ganz wichtiger Satz: Wie ein
Fachmann aus der Druckverteilung
um das Profil ablesen kann, ist die
Sogseite wesentlich wirksamer und
wichtiger als die Druckseite. Bei
Flugzeugen kann man das oft daran
erkennen, daß die Unterseite oftmals
gerade und damit fast völlig
unwirksam ist.
Stellen wir gedanklich jetzt den
Tragflügel senkrecht ins Boot, so
bleibt dieser Satz bestehen: Die
Unterdruckseite, also die Leeseite
des Segels ist die wichtige Seite.
Besonders deutlich wird das bei
Katamaranen mit rotierenden
Masten: In Lee strakt die Verbindung
zwischen Mastleeseite und Segel
perfekt zum optimalen Profil,
während sich auf der unwichtigen
Luvseite fast eine Tasche oder
Hohlraum zwischen Mast und Segel
bildet. Hier strakt nix mehr und es
bildet sich auf der Luvseite ein kleiner Wirbel.
Der Grund warum ich so auf diesem Aspekt
herumreite: Häufig sieht man bei Schachwind die Leute mit angeballerten Schoten auf der
Bahn parken. Dabei könnte man noch gut Fahrt voraus machen.
Man muß sich nur klar
machen, wie die physikalischen Verhältnisse oben am Segel aussehen.
Auf der Luvseite des
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Segel entsteht aus der Physik ein Überdruck und Windstau, daß hier also nichts mehr fließt,
ist selbstredend; außerdem ist diese Seite unwichtig. Wenn ich aber versuche, die Strömung
auf der Leeseite zum Anliegen zu bringen, fährt das Boot plötzlich los. Durch viel zu dichte
Schoten und nicht anliegender Strömung in Lee hattet ihr also die Handbremse voll eingelegt.
Daher: Schoten öffnen und ein klein wenig abfallen, bis das Segel lebt (erkennbar beispielsweise
an den Fäden im Achterliek des Großsegels, die anfangen zu zucken etc.) und das
Boot losfährt. Jetzt kann man versuchen, wieder etwas dichter zu nehmen und höher zu
laufen.
Eigentlich wollte ich folgenden Begriff möglichst vermeiden, aber fürs Verständnis ist er
ziemlich wichtig, glaube ich. Potentialtherotisch kann man die Vorgänge der Umströmung
eines Profils durch eine ungestörte Strömung mit dem Begriff der Zirkulation erklären. Das
Profil als lokale Störung der parallelen Horizontalströmung wird ersetzt durch eine Störströmung
in konzentrischen Kreisen, deren Geschwindigkeit nach außen hin abnimmt - im
allgemeinen als Wirbel bezeichnet. Beide Strömungen überlagert ergibt das Stromlinienbild
um das Profil: Auf der Oberseite addieren sich Horizontalströmungsgeschwindigkeiten
(Anströmung) und die Störgeschwindigkeiten durch die Drehrichtung des Wirbels, während
auf der Unterseite die Störgeschwindigkeiten entgegengesetzt gerichtet sind.Woraus dann
wieder oben
beschriebene
Druckverteilung
resultiert.Wie entsteht jedoch diese Umströmung und wie resultiert daraus der Auftrieb?
Dazu betrachten wir untenstehende Abbildung. In der Skizze A) hat der Umströmungsvorgang gerade begonnen.
Man erkennt die beiden Staupunkte S1 und S2, in denen die Strömung in Ruhe ist.
Alle anderen Teilchen wandern von S1 entweder nach rechts oder links und umströmen so das Profil
auf der Oberoder Unterseite. Da oben`rum ein längerer Weg als unten`rum vorhanden ist,
erreichen die unteren Teilchen die Hinterkante als erste und umströmen die scharfe Achterkante.
Daher liegt der Staupunkt S2 etwas zurück auf der Oberseite des Profils. Dieses anfängliche
Strömungsbild entspricht etwa der Potentialströmung (reibungsfreie ideale Strömung) ohne Zirkulation.
Es ist wohl einleuchtend, dass eine reibungsbehaftete Strömung diese scharfe Umströmung der Hinterkante
nicht lange mitmachen wird, denn an der Hinterkante entstehen dadurch extrem hohe Übergeschwindigkeiten
mit sehr hohem Unterdruck.
Dadurch löst die Strömung zwischen Profilhinterkante und hinterem Staupunkt ab und es entsteht der
sogenannte Anfahrwirbel, der in Skizze C) angedeutet ist. Sowie sich der Anfahrwirbel zu drehen beginnt,
bildet sich infolge des Satzes von der Erhaltung des Drehimpulses eine Rotationsströmung um den Flügel
mit entgegengesetztem Drehsinn aus, die in Skizze B) zu sehen ist. Erst dadurch bildet sich das
Stromlinienbild nach Skizze C) aus und Unter- und Überdruck -p/+p erzeugen eine aerodynamische Gesamtkraft,
die in C) mit "Auftrieb" bezeichnet ist. Diese Kraft entsteht, indem ständig Energie aus der Umströmung
abgezapft wird.
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Für unsere Belange wird sie vektoriell in Längsschiffrichtung zerlegt: In die Vortriebskraft
in Längsrichtung, die wir nutzen und in die Querkraft senkrecht dazu, die durch den Tragflügel
unter Wasser, dem Schwert, kompensiert wird. Potentialtheoretisch heißt, das wir die Reibung
vernachlässigt haben, die hier aber auch keine entscheidende Rolle spielt. Ein wenig ist sie
in der Wirbelschleppe (Verwirbelungen, Abwinde) in Skizze C) zu erkennen (Hydrodynamik: Abstrom, Totwasser)
. Warum ich einen so weiten Ausflug ins Land der grauen Theorie gemacht habe? Obige Geschichte ist extrem
wichtig für jedes Manöver, was wir fahren: Nach jeder Wende muss sich erst wieder die Strömung anlegen,
eine Zirkulation aufbauen und dann erst geht es wieder weiter!! Das kann man unterstützen, wodurch man viel
weniger Fahrt in der Wende verliert: In der Wende wird auch die Großschot circa 30cm gefiert, nachdem sie
zum Einleiten der Drehbewegung ganz dicht genommen wurde. Der Vorschoter zieht die Genua möglichst flüssig
auf dem neuen Bug dicht - bis auf die letzten 40cm !! Diese werden gaaanz langsam und gemeinsam dichtgenommen!
Und auch erst nach der Fahrtaufnahme des Bootes kann der Steuermann wieder einen kleinen Tick höher `ran und
optimal an der Kreuz fahren. Warum? Nach der Wende ist der Boot sehr langsam, und der Wind fällt viel raumer
ein (Die story mit wahrem und scheinbaren Wind kennt ihr ja). Daher dürfen die Segel noch nicht ganz dicht
sein - die Strömung legt sich auf der Leeseite sofort an, der Anfahrwirbel bildet sich aus und das Boot beschleunigt.
Durch die Beschleunigung fällt der scheinbare Wind immer spitzer ein, weshalb ihr während der
Beschleunigungsphase beide Schoten gemeinsam dicht nehmt und eventuell auch euer Gewicht nach Luv einsetzt
(Prinzip der Rollwende wird an anderer Stelle erklärt).
Dadurch erzeugt ihr einen richtig kräftigen Anfahrwirbel – so wie beim Paddeln, wo dieser Wirbel sichtbar
achteraus bleibt. Mit der Zirkulation hat es noch eine andere Bewandtnis: Man sagt, die Strömung hat ein
"Gedächtnis" - oder besser: sie hat ein Beharrungsvermögen. Das bedeutet, sie versucht so zu strömen,
wie sie gerade eben noch geströmt hat. Daher muss sich nicht bei jedem Schotzug erst wieder eine neue
Zirkulation aufbauen, sondern sie macht viel mit. Auf der anderen Seite: Wenn die Strömung mal zusammengebrochen ist,
dauert es auch wieder, bis sie aufgebaut ist, denn obiges Motto gilt auch umgekehrt: "Wieso soll ich strömen,
wenn ich gerade eben noch nicht geströmt habe?" Daher versucht man, bei ganz leichtem Wind eine einmal aufgebaute
Strömung auch zu erhalten und bewegt sich ganz vorsichtig im Boot. Nun wollen wir uns wirklich langsam mal dem Thema
Mastbiegung nähern. Bisher war alles nur (allerdings wichtige) Vorarbeit. Ich sagte schon, das wir gegenüber
einem festen Tragflügel den Vorteil haben, uns unser Profil optimal anpassen zu können. Ist das Profil sehr tief,
dann wird die Strömung zu großen Umwegen gezwungen, wodurch hohe Übergeschwindigkeiten, viel Unterdruck und hohe
aerodynamische Gesamtkraft resultieren. Auf der anderen Seite steigt durch die großen Umwege auch der Widerstand
erheblich an.
Ist das Profil sehr flach, ist der Widerstand gering, aber auch die aerodynamische Gesamtkraft ist nicht groß.
Das ist der Grund, warum bei vielen Windbedingungen Fliegengewichte und Schwergewichte zumindest theoretisch
gleich bevorteilt bzw. benachteilt sind. Man sollte immer zusehen, dass man soviel Power in den Segeln erzeugt,
dass man gerade noch voll hängen und sein Gewicht einsetzen kann. Je mehr es weht, desto flacher muss man die
Segel trimmen, um nicht overpowert zu sein. Insbesondere am Großsegel kann man viel tun. Die wichtigste
Trimmmöglichkeit ist hier die Mast-Biegung. Lässt man den Mast im mittleren Bereich nach vorne biegen,
wird der Bauch des Segels nach vorne herausgezogen, wobei sich gleichzeitig das Achterliek öffnet.
Ein sehr bauchiges Segel macht hinten durch den Bauch "zu". Somit hat man einen doppelten Effekt:
Durch die geringere Profiltiefe sind die Kräfte geringer und das Segel wird die Strömung achtern besser los.
Bisher haben wir uns eigentlich nur über die Grundlagen und Sinn einer Biegung des Mastes in Bootslängsrichtung
unterhalten. Im nächsten Teil kommt die Biegung in Querrichtung hinzu und wie ich die Biegung beeinflussen kann,
d.h. die praktische Umsetzung des obigen Exkurses in die graue Theorie.....
von Jens Schlittenhard
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